Wer fünfzig Jahre nach der Bundestagswahl am Sonntag, 3. Oktober 1976, einen Blick auf das damalige Resultat in Lippstadt wirft, dem sticht speziell die enorm hohe Wahlbeteiligung von 93,42 Prozent hervor. In der größten Stadt des im Jahr 1975 nach der Gebietsreform gebildeten Kreises Soest wurden für die zu jener Zeit relevanten drei Parteien folgende Zustimmungs-Prozente verzeichnet. SPD: 45,5, CDU: 46,3 und FDP 7,6. Dennoch war der Ausgang der Abstimmung für den Lippstädter Bundestagsabgeordneten aus der SPD, Engelbert Sander (1929-2004), eine herbe Enttäuschung: Angesichts der Sachlage mit der klaren CDU-Dominanz im seinerzeit noch bestehenden Wahlkreis Brilon-Lippstadt war für den Ersten Bevollmächtigen der IGM (Industriegewerkschaft Metall), Verwaltungsstelle Lippstadt, ein Direktmandat ohnehin nur schwer zu gewinnen. Und sein 42. Rang auf der SPD-Landesliste reichte für den direkten Bundestags-Wiedereinzug nicht aus. Erst nach dem Tod des Parlamentariers Bertram Blank (1930-1978) aus Bergisch Gladbach gelang ihm eine Rückkehr in das noch in Bonn beheimatete Parlament. Insgesamt 16 Jahre (von 1969 bis 1976 sowie von 1978 bis 1987) gehörte Engelbert Sander dem Bundestag an.
Rückblende auf die Bundestagswahl in 1976

Engelbert Sander (links) mit Herbert Wehner (1906-1990), von 1969 bis 1983 Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, auf dem Unterbezirksparteitag der SPD
Knappes Ergebnis
Bei der Betrachtung der in Lippstadt erzielten Stimmanteile war die Sozialdemokratie, so die Zeitung Der Patriot in ihrer Ausgabe am Montag, 4. Oktober 1976, insbesondere in der Kernstadt stark. Hingegen konnte sie in den zum 1. Januar 1975 eingegliederten dörflichen Ortsteilen weniger punkten. Das bundesweite Ergebnis fiel für das damalige aus SPD und FDP bestehende Regierungsbündnis äußerst eng aus, da CDU/CSU mit ihren 48,6 Prozent gegenüber der SPD (42,6) und FDP (7,9) knapp die absolute Zahl der Mandate verfehlte. Gleichwohl blieb die Koalition während der gesamten Wahlperiode (1976-1980) bestehen.
Lagerwahlkampf
Das Ringen um die Mehrheit im Bundestag wurde verstärkt vom SPD gestellten Kanzler Helmut Schmidt (1918-2015), der im Mai 1974 als Nachfolger von Willy Brandt (1913-1992) ins Palais Schaumburg eingezogen war, und seinem CDU-Herausforderer Helmut Kohl (1930-2017) bestimmt. Mit Modell Deutschland (geprägt von hoher Beschäftigungsstabilität, konstanten Eigentumsverhältnissen an den Unternehmen sowie flächendeckenden und oft für allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträgen) hatte die SPD ihr Wahlprogramm überschrieben. Es war ein typischer Lagerwahlkampf zwischen der seit dem Oktober 1969 regierenden SPD/FDP-Koalition und der Opposition von CDU/CSU. Neben dem aus Hamburg stammenden Bundeskanzler engagierten sich im Wahlkampf 1976 durch ihren Einsatz ebenso die beiden anderen Protagonisten der legendären SPD-Troika, Parteivorsitzender Willy Brandt, unter anderem mit einem Besuch in Lippstadt, und dem Vorsitzenden der Fraktion im Bundestag, Herbert Wehner, durch seinen Auftritt in Soest.

Willy Brandt (zweiter von links) war gleichfalls zur Unterstützung von Engelbert Sander (links) im Wahlkampf in die heimische Region gekommen, als er den neu geschaffenen Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Lippstädter Südwesten besuchte. Mit im Bild neben Engelbert Sander mit Sonnenbrillen der SPD-Unterbezirksvorsitzende Wilfried Pastoor aus Werl und der Geschäftsführer des AWO-Kreisverbandes Klaus Helfmeier (1941-2012).
Archiv-Fotos (2): Sammlung Hans Zaremba
Spalterische Slogans
Überlagert wurde der Wahlkampf 1976 von der Formel Freiheit statt Sozialismus der CDU. Die CSU benutzte die Version Freiheit oder Sozialismus. Sie wurde – wie auch andere Wahlsprüche der Union – mit einem vorangestellten Aus Liebe zu Deutschland kombiniert. Zwar endete die Wahl – wie in diesem Artikel angeführt – mit einem deutlichen Zuwachs für die Union (48,6 Prozent). Was allerdings ihre spalterischen Slogans statt und oder bewegt haben, ist kaum erkennbar. Der Patriot bewertete in seiner Ausgabe am Tag nach der Abstimmung mit den Zeilen ihres örtlichen Schriftleiters Fritz Schmidtmann (1915-1988) die Konfrontation in manchen Teilen am Rand des Erträglichen und bezog sich auch auf Zuschriften, die im Patriot-Haus in der Kolpingstraße 3 zu vermerken waren. Für den Lokal-Journalisten waren nach seinen Worten einige Leserbriefe nicht mit der Zange anzufassen.
Lippstädter Besonderheit
Durch die 1975 vollzogene kommunale Gebietsneuordnung entfielen auf das Lippstädter Stadtgebiet bei der Bundestagswahl am 3. Oktober 1976 noch fünf Wahlkreise. Erst mit der Bundestagswahl am 5. Oktober 1980 waren auch die Wahlkreise den neuen Gebietsgrenzen angepasst worden. Zwangsläufig bewarben sich im Herbst 1976 in Lippstadt auch fünf Sozialdemokraten als Direktkandidaten. Von geringer Bedeutung auf das Ergebnis waren die 26 Wahlberechtigten aus den früheren Gemeinden Mastholte und Benteler mit dem SPD-Bewerber Klaus Thüsing, für die kein eigener Wahlbezirk gebildet wurde. Sie konnten ihre Stimmen in einem Bad Waldliesborner Wahllokal abgeben. Zurück zu den vier Abgeordneten, die 1976 erneut antraten: In Eickelborn und Lohe als Ausläufer des Wahlkreises Arnsberg/Soest war es der spätere Vizekanzler und SPD-Parteichef Franz Müntefering aus Sundern und in Hörste, Rebbeke und Garfeln als Splitter des Wahlkreises Höxter der frühere Beamte der Stadt Paderborn, Karl-Heinz Saxowski (1918-1981). In Bad Waldliesborn als Zipfel des Wahlkreises Beckum/Warendorf der einstige Sekretär der Gewerkschaft ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr), Horst Jaunich, von 1984 bis 1996 der letzte Ahlener Bürgermeister im Ehrenamt, und mit den anderen Lippstädter Ortsteilen des Wahlkreises Brilon/Lippstadt war es der bereits erwähnte Engelbert Sander.
Wahlkampf vor Ort
Neben den Infoständen in der Fußgängerzone und im ländlich strukturierten Stadtgebiet sowie Kinderfesten gab es auch öffentliche Veranstaltungen. So die Kundgebung mit dem populären Verteidigungsminister Georg Leber (1920-2012) am Donnerstag, 16. September 1976, im Hotel Drei Kronen. Die Überschrift der örtlichen Tageszeitung über diesen Abend am Samstag, 18. September 1976, lautete: Entspannung ist Verminderung von Ursachen für einen Konflikt.
Hinweis
Dieser Beitrag wurde für die Ausgabe 7 aus 2026 von Rote Lippe Rose erstellt. Vorab wurden die Zeilen am Dienstag, 23. Juni 2026, veröffentlicht.