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Jugendamt wurde zur Erfolgsstory

Es dürfte in Lippstadt kaum ein Thema nach der Gebietsneuordnung von 1975 die Politik so oft beschäftigt haben, wie die von 1979 bis 1994 bei den jährlichen Haushalts-Beratungen wiederholten SPD-Anträge auf Übernahme der Zuständigkeit für die Jugendarbeit aus dem Soester Kreishaus in die Verantwortung der Stadt Lippstadt. Daran erinnerte jetzt im Rathaus drei Jahrzehnte nach dem Start des kompletten Betriebes des Stadtjugendamtes der Verein für die Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung unter Leitung des Hörfunkjournalisten Marco Zaremba mit dem öffentlichen Dialog „Stadtjugendamt – Rückblick und Ausblick“.

Rückblick auf 30 Jahre erfolgreiche Arbeit

Sie gestalteten den öffentlichen Dialog über die Geschichte aus Perspektiven des Lippstädter Stadtjugendamtes:
Von links Hans Zaremba, Iris Faulhaber, Manfred Strieth und Marco Zaremba.
Foto: Karl-Heinz Tiemann

Von der Idee bis zum Ratsbeschluss

Zum Beginn des von etlichen Experten der heimischen Sozialverbände besuchten Forums schilderte der einstige Vorsitzende des städtischen Jugendhilfe- und Sozialausschusses, Hans Zaremba, die Entstehungsgeschichte auf dem Weg zu einem Stadtjugendamt. Die von der SPD formulierte Idee stieß bei den Skeptikern aus CDU und FDP im Verbund mit der damaligen Verwaltungsspitze im Stadthaus auf wenig Gegenliebe. Das Argument der Zweifler gegenüber der SPD-Anträge lautete stets: Die Kosten für ein Stadtjugendamt werden die Aufwendungen für die differenzierte Kreisumlage, die von Lippstadt in jenen Jahren für die Leistungen aus dem Soester Kreishaus aufzubringen waren, übersteigen. Eine unzutreffende Annahme, die schon in den ersten Jahren des eigenständigen Lippstädter Jugendamtes widerlegt werden konnte. Zur Erinnerung: Noch in 1995 musste die Stadtkasse rund 13 Millionen Deutsche Mark an den Kreis überweisen, ohne jedoch dafür eine größere Einflussnahme auf die für Lippstadt notwendigen Maßnahmen zu haben. Erst nach der Kommunalwahl 1994 mit der Bildung der „gestalterischen Mehrheit“ aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Bürgergemeinschaft änderte sich die Situation. Die neue Zusammenschluss jenseits der CDU setzte in der Stadtratssitzung am 30. Januar 1995 den im Zuge der Wahl des SPD-Mannes Klaus Helfmeier (1941-2012) zum Bürgermeister verabredeten Jugendamtsbeschluss mit ihren 27 Politikern gegenüber der 24 Köpfe umfassenden CDU-Ratsfraktion durch.

Auf den Weg gebrachte Projekte

Durch das Ja der Ratsversammlung für ein Stadtjugendamt wurden schließlich Projekte auf den Weg gebracht, „die zuvor in Lippstadt nicht vorstellbar waren“, erklärte der frühere Leiter des Fachbereichs Familie, Schule und Soziales, Manfred Strieth. Unter anderem die Errichtungen der Begegnungszentren „Treff am Park“ (1998) im Südwesten und „Mikado“ (1999) im Wohnpark Süd, die Ordnungspartnerschaft mit aufsuchender Jugendarbeit und Stadtwacht (1999), die „Märkte der Möglichkeiten“ (ab 2002), die Einführung der Schulsozialarbeit (2002/03) und die Offene Ganztagsschule (2003), das Jugend- und Familienbüro (2005), die Mobile Beratung für Familien und Kleinkinder (2008) sowie die Verstärkung der Mehrgenerationenarbeit in Lippstadt (2017). Überdies soll in 2027 gegenüber der Westfälischen Landes-Eisenbahn ein zusätzlicher Treffpunkt entstehen, der vom Stadtrat im Juni des letzten Jahres einstimmig beschlossen wurde. Die organisatorischen Strukturen für die bis in die Gegenwart währende Erfolgsgeschichte des Stadtjugendamtes errichteten der erste Jugendamtsleiter Wolfgang Roßbach sowie der aus dem Organisationsreferat im Stadthaus in das Jugendamt als Abteilungsleiter gewechselte Klaus Rennkamp. Durch die Gründung eines Fachbereiches für Jugend und Soziales entstand ein Modell, so Manfred Strieth, das für die in 2002 vorgenommene generelle Reform der Lippstädter Stadtverwaltung von den Dezernaten zu Fachbereichen diente. Die Aufgaben des Jugendamtes skizzierte der vor Jahresfrist pensionierte Beamte in drei großen Blöcken: Kindertagesbetreuung, Hilfen zur Erziehung sowie Kinder- und Jugendarbeit. Als Herkulesaufgabe bezeichnete der heutige Vorsitzende der Dr. Arnold Hueck-Stiftung die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Es waren der Neu- und Umbau verschiedener Kindertagesstätten vorzunehmen und ein städtisches Ausbauprogramm zu starten. Dazu zwei Zahlen: In 1996 bestanden in Lippstadt 33 Kindergärten, derzeit sind es 41 Tagesstätten. Daneben wurde als Querschnittsaufgabe die Sozial- und Jugendhilfeplanung installiert. Bereits in 1999 erstellte der Sozialpädagoge Meinolf Fischer (1954-2004) den ersten Werkstattbericht zur demographischen Entwicklung. Dieser Report wurde im Anschluss alle fünf bis zehn Jahre in der Regie des indessen gleichfalls in den Ruhestand gegangenen Fachdienstleiters Werner Kalthoff fortgeschrieben. Durch die zunehmende Digitalisierung konnte aus dem vorherigen manuell erstellten Zahlenwerk der heute online verfügbare, regelmäßig aktualisierte Kommunal-Atlas (KECK) in der Zuständigkeit von Kira Franzen entstehen.

Auftrag und Rolle in der Gegenwart

Iris Faulhaber, Nachfolgerin von Manfred Strieth, stellte zum Auftrag und die Rolle des heutigen Stadtjugendamtes sowie die enge Zusammenarbeit mit den freien Trägern, Schulen und Kitas heraus. Zentrale Arbeitsfelder sind für sie sind der Schutzauftrag bei der Kindeswohlgefährdung und die enge Netzwerkarbeit sowie die Förderung von Teilhabe, Integration und Entwicklung junger Menschen. Als aktuelle Herausforderungen nannte sie „gesellschaftliche Veränderungen, Integration und psychosoziale Belastungen junger Menschen“. Außerdem den in 2026 schrittweise zu verwirklichenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder mit der erheblichen Ausdehnung von Plätzen, die Gewinnung von Personal und Findung von Räumen. Mit Blick auf die Reform des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) bestehe das Ziel aus kommunaler Sicht „in der Planungssicherheit für die freien Träger und die Stadt bei der Vorhaltung von stabilen und qualitativen hochwertigen Betreuungsangeboten für Familien“. Auch die monetären Bedingungen klammerte die Leiterin des Fachbereichs für Familie, Schule und Soziales nicht aus: „Die Kommunen stehen vor der Herausforderung, gesetzliche Ansprüche umzusetzen, bei gleichzeitig strukturell unzureichender finanzieller Ausstattung durch Land und Bund.“ Trotz des Haushaltsdrucks dürfe der Blick für die Bedeutung der Prävention nicht entfallen. „Jugendhilfe ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern eine Investition in die Zukunft der Stadtgesellschaft“, betonte Iris Faulhaber in ihrem Ausblick zur Weiterentwicklung des Stadtjugendamtes.

Hinweis

Dieser Beitrag wurde am Montag, 9. März 2026,12.30 Uhr, ins Netz gestellt.

Eine umfassendere Darstellung über den Dialogabend im Rathaus wird mit der Print-Ausgabe von Rote Lippe Rose für den Monat April 2026 und im Internet www.rote-lippe-rose.de veröffentlicht.

Hans Zaremba

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